Reicht das jetzt?

Reicht das jetzt?
Ein kritischer Rückblick auf die Entwicklung weiblicher Emanzipation am Beispiel des Frauentreffs in Rohrbach.

Vor zwei Wochen feierten wir ein Geburtstagsfest. 15 – sprich fünfzehn Jahre Frauentreff Rohrbach!
Das sind schon einige Jährchen! Zum Beispiel sind es mehr, als eine durchschnittliche Ehe in Österreich dauert. Die hält zur Zeit nämlich 9,8 Jahre. Und es ist auch länger, als die meisten Menschen hier-zulande eine Schule besuchen, denn samt Berufsschule oder Gymnasium dauert diese Zeit der Grundbildung im Durchschnitt auch nicht länger als 13 Jahre.
Und länger, als viele neu gegründete Firmen oder so genannte Jungunternehmen bestehen, ist es sowieso. (Von diesen Firmen melden ein Drittel bereits in den ersten drei Jahren Konkurs an) Wenn wir uns also im direkten „Vergleich“ betrachten, haben wir allein schon aufgrund unserer Ausdauer und unseres Durchhaltevermögens Grund zum Feiern!

Wie war denn das damals?
Damals, als eine Handvoll Frauen in Rohrbach sich immer wieder traf und davon träumte, sich Freiräume zu schaffen. Nicht mehr durch Kinderbetreuung täglich oder stündlich „angehängt“ wollten sie sein, nicht mehr nur auf Hausfrauliches reduziert werden, sondern MITREDEN, kundtun und fordern was ihnen wichtig war!
Mitte der 70er Jahre gründeten Frauen in Österreich und Deutschland die ersten Frauenzentren. Und das war tatsächlich etwas völlig Neues, ja für manche durchaus auch etwas Anstößiges in jener Zeit. Ein „Verein für Frauen“? oder sogar NUR für Frauen? Das schien manchem Zeitgenossen und wohl auch manchen Zeitgenossinnen ungefähr so nötig, wie dem Fisch das Fahrrad!
Apropos: „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ (so heißt der Spruch im Original!) war damals so etwas wie ein verschwörerisches Sinnbild für ein neues Selbstbewusstsein, für die Vision, dass Frauen sich befreien können aus den althergebrachten Zuschreibungen. Eigene Wege gehen, unabhängig von der Förderung, Kontrolle oder Aufsicht wohlmeinender oder „wissender“ Männer und unabhängig von anerzogenen Rollen in Gesellschaft und Familie wagten Frauen sich einzumischen in das, was bisher „Männersache“ war.
In Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur.

Der Frauentreff in Rohrbach war genau wie die vielen anderen Frauenzentren ein Kind dieser Zeit. Schnell wurde er zum Dreh- und Angelpunkt von Visionen und Wünschen nach Solidarität, nach Finanzierung für Kinderbetreuung oder Bildung, nach Aufbruch und Freiheit. Es wurde gekämpft um diesen Ort, an dem frau unter sich sein konnte. Dort wurden Pläne geschmiedet, es wurde diskutiert, ein gemeinsamer Nenner gesucht und Strategien entwickelt, um mit einem Entwurf dieser neuen „selbstbestimmten Frau“ – wer wusste schon genau was und wie die sein sollte? – auch nach außen gehen zu können.
Wundern darf es nicht, dass dies alles „geübt“ werden musste, dass darum gerungen werden musste, in unzähligen Gesprächen, Sitzungen, Anläufen, Abbrüchen und erneuten Versuchen. Frauen waren es nicht gewohnt, handelnd in Politik und Kultur einzugreifen oder in eigenen, zum ersten Mal von Männern völlig unabhängigen Projekten engagiert zu sein!
Was frau statt dessen kannte, war das private Gespräch über Kindererziehung, Haus- und Handarbeit, über Gesundheit, Ernährung oder über Liebesdinge.
Die Rolle als Frau an der Seite des (eigentlich handelnden) Mannes haben wir mit der Muttermilch getrunken, nicht wahr?

Seit 4000 Jahren Patriarchat. Und seitdem uns im Mittelalter weisgemacht wurde, dass Frauen keine Seelen haben. Und seitdem Männer uns den Hebammendienst und die Heilkunde aus der Hand genommen haben. Und seitdem diese Männer befunden haben, dass Frauen mit solchen Kenntnissen gefährlich sind und im Interesse der Gemeinschaft dem Feuer übergeben werden müssen (Man schätzt allein in Europa 6 Millionen verbrannter Frauen). Und seitdem Männer den Krieg als Mittel der Politik anwenden, um ihre Macht zu festigen, statt dem Wohlleben der Gemeinschaft zu dienen.
Dass also der Mann sich seit jeher um die Politik, die Führung des Staates kümmert, und dass er auch derjenige war, der die Führung in der Familie innehatte. Der Mann war immer noch der, an den Frau sich lehnte, wenn ihr mal alles zuviel wurde – nein?
Nun sind 15 Frauentreff-Jahre ins Land gezogen und frau darf innehalten und fragen: Hat sich in diesen Jahren etwas verändert?
Oh doch – ich finde es hat sich etwas verändert, langsam und nicht zuviel, aber doch. Es mutet zum Beispiel nicht mehr exotisch an, wenn frau in der Politik aktiv ist, und es ist durchaus keine Ausnahme mehr, wenn Frauen Karriere machen und ein Nahverhältnis nicht bloß zu ihren Kindern oder dem Strickzeug haben, sondern auch zu Beruf, PC oder einer öffentlicher Stellung, die sie bekleiden.

Und reicht das jetzt?
Haben wir damals wirklich damit gerechnet, das noch eineinhalb Jahrzehnte später die Gewalt an Frauen ständig im Steigen begriffen sein würde?
Oder haben wir gedacht, dass sich massenweise, wie nie zuvor in der Geschichte, Frauen und Mädchen auf den Operationstisch legen werden, um einem irrationalen „Schönheitsideal“ gerecht zu werden? Haben wir uns vorstellen wollen, dass nach all den Jahren Frauenberatung sich immer noch Tausende junger Mädchen um ihr Leben hungern würden? Dass seelische Krankheiten, Opfertum und Abhängigkeit noch immer alltägliche Realität sein würden? Haben wir uns das so vorgestellt, dass Frauen zwar einen Job haben können, ihnen aber trotzdem die ganze alleinige Last von Haushalt und Kindererziehung bleibt?
Es kommt auf den Fokus an, sagt meine Freundin immer. Wenn ich will, sehe ich nur dunkelgrau. Aber wenn ich will, sehe ich auch himmelblau. Ich denke beides ist richtig, denn es gibt beides: Die Frau, die nach wie vor auf „den Mann“ vertraut, wenn’s um wirklich wichtiges wie Politik oder Geld geht und es gibt die unabhängige, in der Gesellschaft aktive Frau, die in allen Lebensbelangen auf eigenen Beinen stehen kann, ohne deshalb ihre Beziehungsfähigkeit und ihre Haltung der Fürsorge für alles Lebendige zu verlieren.
Der Frauentreff Rohrbach ist ein guter Platz für Frauen, die letztere Variante einzuüben.