Anna Marias lange Suche

– Erschienen 2000 in der Zeitschriftt „DONNA Wetter“
Anhand eines „ganz normalen“ Frauenlebens wird mit Ironie und vielen Fragezeichen die Sinnsuche der heutigen Zeit beleuchtet.

Die Esoterik boomt, Buchhandlungen quellen über von Büchern über Sinn und Liebe, Engel und Lichtwesen, Ufos, Kelten und Göttinnen. Kurse zur Selbstfindung überschwemmen die Bildungslandschaft und Instant-Schnellerleuchtung oder Transformation in reine Licht-und Liebe-Körper lassen sich an Wochenenden günstig erstehen.

Als Anna Maria klein war – so etwa 7 Jahre alt – glaubte sie schon und wollte ins Kloster. Die Geschichten von den Heiligen und MärtyrerInnen faszinierten sie. Sie wollte wie eine von ihnen sein. Heilig wollte sie sein und in Gottes Schoß sitzen.
Als sie 14 war, war sie immer noch gläubig, aber statt der katholischen Kirche hatte es ihr jetzt eine Jugendsekte angetan. Dort wusste man wos lang geht,
dort gab es Grenzen und Geborgenheit.
Das Zuhause interessierte sie schon lange nicht, denn Mutter und Vater waren sowieso und immer dagegen, gegen ihren Freund, gegen ihre Hobbys, gegen ihre Zukunftspläne.
Als sie 22 war glaubte sie an die große Liebe, an ihren Mann und an die Hochzeit.
Als sie 30 war glaubte sie nichts mehr. Der eigene Hausverstand, so war sie inzwischen der festen Überzeugung, und menschliches Denken allein wären besser geeignet um ein guter Mensch zu sein, als alle Religionen zusammengenommen.
Die Kinder erzog sie so, wie sie glaubte, es wäre am besten. In der Beziehung kämpfte sie wie alle ihre Freundinnen – um Anerkennung, Beistand und Verständnis, um emotionale Beantwortung.
Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken in diesen Jahren. Die Leere zwischen Haushalt und Schulaufgaben der Kinder füllte sie mit Modejournalen und Lifestylemagazinen. Sie begann sich modisch zu kleiden, hatte den Kopf voller Schönheitsprobleme, ging ins Fitnesscenter und glaubte wieder. Sie glaubte an die neue Religion des Jugend-Schönheits,-und Körperkultes. Das machte sie so lange, bis die Leere nicht mehr voll wurde.
Dass sie vielleicht doch wieder einen Beruf, eine Aufgabe haben oder brauchen würde – so wie damals vor ihrer Konvertierung zur Ehefrau – das dämmerte ihr erst lange Zeit gar nicht, dann langsam und am Ende immer drastischer.
Schließlich suchte sie, informierte sich und stieg wieder ein. Büro und Haushalt, Kinder und Beziehung waren nun parallel zu schaffen. Aber sie machte das. Sie war motiviert, ihr Leben hatte wieder einen Sinn. Das Lob das Chefs beflügelte sie nachhaltig, die sich ergebenden Überstunden leistete sie gerne. Wenn der Ehemann meckerte, weil sie inzwischen schon weniger zu Hause war als er, dann hatte sie zwar Schuldgefühle, aber sie glaubte wieder. Sie glaubte an den beruflichen Erfolg, an Karriere und Aufstieg. Es war eine Zeit großer Visionen.
Als nach 5 Jahren harter Arbeit dann bei der nächsten Rotation der junge, erst kürzlich eingestellte Arbeitskollege ihr vorgezogen wurde, verlor sie ihren Glauben. Wieder einmal.
Nicht dass sie kündigte, nein, aber statt mit unbezahlten Überstunden weiterhin in der Firma zu sitzen, begann sie Kurse und Seminare zur Selbstfindung zu besuchen. Eine Arbeitskollegin hatte sie zu einem Träumeseminar mitgenommen. Das war der Anfang.
In der Folge besuchte sie Volkshochschulkurse in Ikebana und Joga. Dann lernte sie was Meditation ist. Sie sammelte ihren Geist, sprach Mantras und lernte fleißig alles über alternative Heilmethoden. Sie machte eine Familienaufstellung, besuchte regelmäßig die Astrologin und später dann einen weithin bekannten
Heiler wegen der Bronchitis ihres Mannes. Sie lernte Licht- und Farbtherapie, den Mayakalender,
und belegte Seminare in Schamanimus.
Der Höhepunkt aber war ihre Heimkehr in die matriarchale Welt. Jetzt wirkte die Kraft der Ahninnen und Göttinnen in ihrem Leben, sie glaubte wieder und wusste endlich um ihre Wurzeln.
Sie war 47 Jahre alt, als sie bemerkte, dass ihr Mann eine Freundin hatte. Sie war 49 Jahre alt, als er sie wegen der Jüngeren verließ. Ein Loch, ein Riesenloch klaffte von heute auf morgen in ihrer bisher so heilen Welt. Alles was sie gesucht und gefunden, gelernt und geglaubt hatte, erwies sich als zu leicht, die Göttinnen der Vorzeit und die Bachblüten reichten nicht hinunter in das verletzte Herz.
Sie erholte sich nur langsam von dem Schock. Zur Orientierungslosigkeit dieser Jahre kamen dann die Wechselbeschwerden und die Angst vor dem Alleinsein im Alter dazu. Aber als der älteste Sohn eine Tochter bekam, und sie endlich Großmutter wurde, trat eine Besserung ein. Sie hatte einen Narren an dieser Enkelin gefressen und war eine glühende Oma. Der alte Glaube an Familie war wieder aufgeflammt und stärkte sie im Alltag. Dann kamen noch mehrere Enkelinnen und Enkel und der Zustand der Euphorie verlor sich allmählich ins Gegenteil. Sie wurde es leid, ständig strapazierte Babysitterin zu sein und schränkte ihr Großmuttersein drastisch ein.
Dafür begann sie zu schreiben, Lyrik und Prosa. Mit weit über 70 trat sie einem Dichterinnenzirkel bei und veröffentlichte ihr erstes Buch.
Nachsatz der Autorin: Vielleicht sucht Anna Maria ja noch heute, vielleicht hat sie noch anderes entdeckt woran sie GLAUBT und worin sie einen SINN sieht.
Wichtig scheint mir, dass sie imstande war, sich im Laufe ihres Lebens immer wieder neu zu orientieren und dass sie stets aufs Neue Kraft zur Begeisterung fand und so ihre Lebendigkeit bewahrte.