Alles gendert! (sprich: dschendert)

 

Alles gendert! (sprich: dschendert)
Das Wort „Gender Mainstreaming“ taucht immer öfter in den Medien auf. Wenn du dich auch fragst „was ist denn das eigentlich?“ dann lies doch folgenden Versuch einer Erklärung.(geschrieben Juni 2001)

 

Was Gender ist? Na ja, Gender ist ganz einfach. Es meint nicht das biologische, sondern das soziale Geschlecht! Aha – hmm … na ja. Und was genau heißt das jetzt?
Das war in etwa mein Wissensstand bis vor drei Wochen. Dass es sich um einen – für uns als Frauenstelle – wichtigen Begriff handeln müsste, dass es irgendetwas mit Männern und Frauen, mit gleichen Chancen und Gleichbehandlung und auch etwas mit der EU zu tun hat, das alles wusste ich auch.
Aber was genau bedeutet es? Dieses Wort, „Gender“ von dem eine ja nicht mal genau weiß wie es richtig ausgesprochen wird. Ein Wort, das ich zu meiner Zeit auch in keinem Schulunterricht gelernt habe!
Genau zur rechten Zeit flatterte da vor einigen Wochen die Einladung zu einer „Gender – Mainstreaming – Einschulung“ ins Büro.
Also – wir zu zweit – meine Kollegin Elisabeth und ich, flugs angemeldet, und ab nach Linz für 2 Tage in ein Bildungshaus. Mit uns am Seminar 10 weitere Frauen, von denen der Großteil auch einmal gerne genauer gewusst hätte, was Gender Mainstreaming eigentlich bedeutet.

 

Was Gender Mainstreaming ist…
Nach Bekanntmachen, Begrüßen, Eröffnen, usw. kam es also zum allseits gespannt erwarteten Theorie-Input: „Begriffserklärung von Gender-Mainstreaming“. Der erste Satz der Vortragenden lautete dann in etwa: „Oft geht es uns so: Wir hören eine Erklärung über den Begriff „Gender“, verstehen es auch, haben kurzzeitig das Gefühl „Ja, jetzt hab ich’s!“ aber gleich, sobald der Vortrag vorbei ist, ist die Klarheit auch schon wieder weg und wir fragen uns erneut: Was ist Gender jetzt genau?“
Das kann ja heiter werden, denke ich nach dieser Einleitung und tausche vielsagende Blicke mit Elisabeth.
Aber dann wird’s ernst. Notizblock gezückt und mitgeschrieben. Und hier ist sie nun – auch für dich, liebe neugierige Leserin oder Leser – die Erklärung:
Mainstreaming bedeutet „im Hauptstrom fließen“ und man kann sich vorstellen, was damit gemeint ist. Eine Sache wird wichtig genommen und soll im Mittelpunkt stehen. Der Begriff „Gender“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „Soziales Geschlecht“. Im Englischen wird nämlich unterschieden zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht.

Dazu gibt’s einen sehr einprägsamen Merksatz
Was zwischen deinen Beinen ist,
ist das biologische Geschlecht (Sex),
was zwischen deinen Ohren ist,
ist das soziale Geschlecht (Gender).

 

Wir gehen auf Zeitreise
Um den Begriff „soziales Geschlecht“ nun wirklich zu verstehen, hilft uns die Seminarleiterin mit einem Bild. Sie beschreibt, dass wir zusammen eine Zeitreise machen und etwa im Jahre 1850 aus unserer Zeitmaschine aussteigen: Was sehen wir dort? Wir besuchen z.B. eine Universität in dieser Zeit. Als Frauen fallen wir ziemlich auf, denn „eine Frau darf nicht studieren!“ Warum? Ganz einfach, weil sie eine Frau ist. Also DAS ist das soziale Geschlecht!
Wir gehen weiter, in eine Grundschule. Es gibt hier auch Sportunterricht. Aber auch hier ist kein Mädchen zu sehen, bloß Jungen. Wieso laufen die Mädchen nicht mit? Unverständnis schlägt uns entgegen. Mädchen laufen nicht! Nicht weil sie nicht können, nicht weil sie nicht wollen, sondern einfach, weil Mädchen so was nicht tun! Also DAS ist das soziale Geschlecht!
Aus unserer Zeitreise wird nun eine Weltreise. Wir besuchen andere Kulturen und da wird der Begriff immer klarer: In den islamischen Ländern darf eine Frau nicht allein aus dem Haus gehen, nicht weil sie nicht könnte oder möchte, nein, einfach weil sie eine Frau ist.  Oder in einem afrikanischen Land sehen wir, dass eine Frau beim Essen nicht als erste aus dem Fleischtopf nehmen darf, nicht weil sie so höflich ist, oder es nicht möchte, sondern weil sie das als Frau nicht darf. Wir begegnen auf unserer Rundreise noch vielen solcher Beispiele:

 

Menschen werden nicht individuell nach ihren Vorlieben oder Talenten, nach ihrem Können und ihren ureigensten unterschiedlichsten Anlagen behandelt, sondern nach ihrer Geschlechtszugehörigkeit

 

Jetzt haben wir alle tatsächlich die „Genderbrille“ aufgesetzt und als wir nun wieder zurück in Österreich sind, geht’s gleich weiter mit dem Erkennen des „sozialen Geschlechts“ und den damit verbundenen Ungleichbehandlungen: Z.B. Ein junger Vater möchte gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen und nicht bloß die ganze Woche über arbeiten, aber die Firma hat für diese Ambitionen weder Verständnis, noch die Struktur, die das möglich machen könnte.
Oder: Eine Frau macht die gleiche Arbeit wie ein Mann, aber ihre Arbeit ist weniger wert! Sie spürt das ganz konkret im geringeren Lohn. Usw., usf., Die Liste ist lang.
Oder: Der Anteil in den Führungsebenen in österreichischen Unis ist von Frauen immer noch 4%(!) Nicht weil sie es nicht könnten, nicht weil es keine gäbe, die sich als Professorin bewerben würde, nein, einfach weil sie Frauen sind, und als Frau gibt es die berühmte „gläserne Decke“, durch die sie nicht in die obersten Ränge gelangen kann. Diese Ränge sind immer noch den Männern vorbehalten.
Das also ist gemeint mit sozialem Geschlecht. Und das hier gemeinte Wort Geschlecht ist eine von der jeweiligen Gesellschaft geschaffene soziale Strukturkategorie, nichts von Gott Gegebenes, auch wenn es manchmal so scheint …
Gegen diese Ungleichbehandlungen soll „Gender-Mainstreaming“ eingesetzt werden.
Aber aufgepasst: Es geht hier NICHT um Frauenförderung! Es geht nämlich nicht darum alle Frauen über einen Kamm zu scheren und sie zu fördern. Es geht um Gleichbehandlung aller Menschen, unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht. Chancengleichheit heißt nicht Gleichbehandlung. Denn wenn Ungleiche gleich behandelt werden, führt das nicht zur Gleichheit, sondern setzt Ungleichheit fort.
Natürlich ist eine spezielle Frauenförderung noch so lange nötig, solange die Unterschiede noch so gravierend sind – dies ist jedoch etwas Eigenes und hat mit Gender-Mainstreaming nichts zu tun.
Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um das Ziel Chancengleichheit von Frauen und Männern zu erreichen. Chancengleichheit besteht dann, wenn die Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht ist. Erst wenn Frauen und Männer die gleichen Start- und  Rahmenbedingungen haben, haben sie die gleichen Chancen.

Wozu brauchen wir Gender Mainstreaming?
Männer und Frauen sind doch schon längst gleichberechtigt!

 

Wie wird Gender Mainstreaming angewendet?
Nun noch ein Beispiel dafür wie Gender Mainstreaming als Strategie eingesetzt werden kann, bzw. soll. Dazu besuchen wir eine Gemeinderatssitzung: Es wird ein Antrag gestellt auf ein neues Sport- oder Freizeitzentrum.
Durch die „Genderbrille“ geplant – wie das ja EU-Beschluss war, den auch die österreichische Regierung unterschrieben hat – müsste erst Folgendes geklärt werden, bevor das Projekt genehmigt wird:
Für wie viele Frauen und wie viele Männer, (bzw. Mädchen und Jungen) wird dieses Sportzentrum von Nutzen sein? Welches sind die Bedürfnisse von Jungen und welche die von Mädchen? Gibt es Räume und Infrastruktur für die Bedürfnisse beider Geschlechter? Erst dann, wenn gesichert ist, dass hier eine Gleichbehandlung gegeben ist, dann kann dieses Projekt realisiert werden.
Genauso müsste mit der Planung von öffentlichen Verkehrswegen verfahren werden. Die Fragen „Welche Wege benützen Frauen und welche Männer, und wie häufig und womit, wären auch zentrale Fragen für die Städte- und VerkehrsplanerInnen wenn sie „gendergerecht“ vorgehen möchten.
Gemäß dem Beschluss der EU müsste in 5 Jahren in allen Bereichen von Politik, Wirtschaft, Kultur und Sozialem so „gendergerecht“ vorgegangen werden.
Wir werden es erleben, wie weit sich dieser Ansatz zur Gleichbehandlung aller Menschen verwirklichen wird. Ich persönlich finde ihn epochemachend und auf Jahrzehnte hin gesehen strukturenverändernd.

Zuerst sollten wir unsere Sensibilität schulen, um die vielen kleinen Ungleichheiten im Alltag zu sehen. Es gibt noch jede Menge blinde Flecken.
Sonst wäre es wohl für meine Nachbarin nicht so ein Schock gewesen, als ihr 14-jähriger Sohn kürzlich den Wunsch äußerte, Kindergartenonkel zu werden.