Mein langer Weg nach „Innen“

Mein langer Weg nach „Innen“ 
Die geschlechtsneutrale Schreibweise, das sogenannte Sprachsplitting ist für viele befremdend, für manche unsinnig und für nicht wenige noch völlig unbekannt. (geschrieben Jänner 1998)

Nur für Frauen oder was?
Das neue Herbstprogramm! Hurra, tolle Kurse, interessante Angebote! Aber was soll das? „Anfänger Innen“ Was? Wie bitte? Teilnehmer Innen? Haben die sich geirrt oder was? Aber nein, Rechtschreibfehler können das nicht sein, denn das ganze Heft ist voll mit diesen Ausdrücken. Aber warum? Warum immer „Innen“? Vielleicht heißt das, dass nur Frauen diese Kurse besuchen können, ja sicher das wird es sein! Nur für Frauen. Das war vor ca. 10 Jahren und meine erste Bekanntschaft mit einer mich damals sonderbar anmutenden und mir überhaupt völlig überflüssig erscheinenden Schreibweise. Von dieser Zeit an stieß ich immer wieder auf dieses Phänomen und ich hatte mir schnell meine Meinung darüber gemacht. Was wollen die eigentlich, das ist ja nur lächerlich und bringt überhaupt nichts, im Gegenteil sie legen sich selber ein Ei mit diesem übertriebenen Gehabe Natürlich bin ich für die Gleichberechtigung der Frau – unbedingt und von ganzen Herzen, aber sollen sie doch dort damit anfangen, wo es wirklich nötig ist! In dieser Sache sprach ich auch mit meiner damals wie heute gute Freundin, die ich sehr schätze und auf deren Meinung ich Wert lege. „Das ist wirklich übertrieben, nicht wahr Anne?“ (Mir war klar, dass sie nur meine Meinung sein konnte.)

Die Menschheit ist weiblich und männlich. Die Sprache auch?
Erst einmal schwieg Anne und dann sagte sie so sanft wie sie selber ist: „Ich finde, dass die Frauen in der geschriebenen Welt auch vorkommen müssen.. Vielleicht ist die Lösung mit den „Innen“ nicht unbedingt die beste, aber zumindest ist es der Versuch endlich auch im geschriebenen Wort zu berücksichtigen, dass es Frauen gibt. Es gibt „Die Frau“ ja gar nicht im allgemeinen Sprachgebrauch. Und wenn sie nicht existieren, wie wollen sie dann etwas verändern“ Bumm. Ich begriff, dass ich da wohl irgend etwas übersehen hatte. Jetzt war ich diejenige die schwieg. Beschämt irgendwie. und von diesem Zeitpunkt an war ich sehr aufmerksam. Ich las: Die TeilnehmerInnen werden gebeten, … und irgendwie fand ich das immer noch komisch… Ein Mann (!) erklärte mir dazu: Es ist viel einfacher, als jedes Mal Teilnehmer und Teilnehmerinnen auszuschreiben und man hat sich nun einmal offiziell und endgültig auf diese Schreibweise geeinigt, um beiden Geschlechtern gerecht zu werden. Gut, ich hatte verstanden. Ja ich hatte wirklich verstanden. Man sollte nicht immer nur die Männlichkeitsform verwenden, so, als ob die Frauen keine eigene Benennung nötig hätten. „Studenten und Studentinnen“ sagte der Professor und ich fand das in Ordnung. Liebe Studenten sagt der andere Professor, obwohl 80 % Frauen waren, und ich fand das nicht in Ordnung. Liebe Teilnehmer und Teilnehmerinnen sagte der Kursleiter und ich war zufrieden. Liebe Freunde stand in dem Rundschreiben und ich fühlte mich übergangen.

Das Ganze einmal umgekehrt!
Zuletzt verschaffte mir eine Fernsehsendung drastisch Einsicht: Gezeigt wurden Bürger und Bürgerinnen deiner deutschen Stadt und als Untertitel wurde immer die Weiblichkeitsform eingeblendet – auch wenn es sich um Männer handelte. Da gab es zum Beispiel eine Gemeindebeamten, und darunter stand: Beamtin. Das war allerdings eigenartig. Dann gab es einen Gärtner und einen Verkäufer und darunter eingeblendet stand: Gärtnerin, Verkäuferin. Nun fiel es mir entgültig wie Schuppen von den Augen.  Das was mir hier, und nicht nur mir, als äußerst komisch, ja sogar unmöglich erschien (wie kann man einen Mann als Beamtin bezeichnen!) geschieht mit der größten Selbstverständlichkeit schon immer mit Frauen!!!

Vom schwangeren Schüler und anderen Phänomenen
Oder denkt sich irgend jemand etwas dabei, wenn die Bezeichnung Buchhalter dort steht, obwohl es eine Frau ist? Und füllen wir nicht alle unsere Zahlscheine anstandslos aus, auch wenn dort Einzahler, statt Einzahlerin steht? Und sagen wir in einer Runde mit ausnahmslos Frauen nicht selber ständig: Jeder macht jetzt dies und das, …statt jedE. In der Schule wird ein schwangerer Schüler aufgefordert, zur Sprechstunde zu kommen und vorige Woche habe ich erfahren, dass es im Krankenhaus soundso einen frisch entbundenen Patienten mit Zwillingen gibt und gerade heute habe ich wieder ein Kursprogramm erhalten (die Leserinnen erinnern sich bitte an den Anfang dieser Geschichte) da steht unter Bauchtanz: Bitte alle Anfänger großes Tuch für die Hüfte mitnehmen….