In Rishikesh, Pilgerort am Ganges

Rishikesh, einer der heiligsten Pilgerorte am Ganges, am Südrand des Himalaja.
14 Tage im Yoga-Ashram.

20.9.2004 
Nun bin ich wieder aufgetaucht. In Rishikesh, einem wichtigen Hindu Pilgerort. Da kommt der Ganges das erste Mal aus den Bergen ins flache Land.
Hingen in Dharamsala überall Buddhabilder und Bilder des Dalai Lama, so hängen hier sämtliche wichtige Hindu Swamis, Jogis und Gurus, aus den klassischen Zeiten, und die neuzeitlichen modernen genauso. … und auf meiner Unterkunftssuche heute da verschlug es mich just in einen Ashram. Tja und da habe ich für 14 Tage eingecheckt. Es gibt gutes Essen, Breakfest, Lunch und Dinner und man kriegt nach, soviel man will!)
Spartanische, aber saubere (viel wichtiger als alles andere!) Zimmer. Sogar mit frischen Bettlaken. Normalerweise sind die Betten ungewaschen und muffig oder sie stinken nach dem vielen Insektenvernichtungsmittel, mit dem sie besprüht statt gewaschen werden.

Es gibt tägliches Programm im Ashram. Um 4.30 Uhr Weckläuten, (davon werde ich mich nicht stören lassen, habe ich entschieden) dann eben Meditation, Jogaunterricht, Frühstück, Bücherstudium, Mittagessen, Bücherstudium, Teachings, abends wieder Meditation und Dinner um 20 h.
Wer Später als halb 10 nach Hause kommt bleibt draußen. Man muss auch nicht überall teilnehmen. Pro Tag samt gutem gefiltertem Wasser (dass man ja sonst täglich kaufen muss), samt allen Kursen und dem Essen kostet das 5 Euro. Außerdem ist es ruhig nett und grün gelegen und wird wirklich sauber gehalten.

Zur Erholung ist es glaube ich, gerade richtig hier ein paar Tage mitzutun und das Ganze nicht so tierisch ernst zu nehmen. Ich bin ja gespannt was ich lerne … immer öfter habe ich jetzt auch Gedanken an zu Hause – und eigentlich freue ich mich schon riesig wieder daheim zu sein. Alle Eindrücke zu verarbeiten wird ohnehin noch eine zeitlang dauern ..

Wenn ich jetzt schon zurückdenke, was ich hier alles als anders, ungewohnt und fremd erlebt habe…
Z.B. bin ich aufgrund der vielen, ganz normalem Stromausfälle, oft genug in stockdunkler Nacht nach Hause gegangen – in völliger Dunkelheit durch Gassen oder Straßen mit offenen Kanälen,. wo man nicht weiß tritt man jetzt in so einen Wasser- oder Unratskanal, scheucht man einen Hund auf, der hier rumliegt oder eine Kuh, steigt man in Bauschutt oder Abfall, oder sind noch andere Menschen unterwegs … ich wunderte mich oft selber, dass ich nie Furcht hatte.
Oder die anderen Sitten: es ist üblich laut zu rülpsen, Männer die irgendwohin urinieren gehören zu Stadtbild, Abfall dort weg zu werfen, wo man ihn gerade hat, ist völlig normal. Wirklich! Es ist normal! (Trotzdem konnte ich mich bei heute nicht daran gewöhnen und packe meinen Müll immer mit ein auf der Suche nach Abfalleimern, die ich dann doch nicht finde.) Fremde freundlich anzulächeln und ihnen immer und bereitwillig weiterzuhelfen ist auch normal…. Bis dann!

22.9.2004 
Hallo ihr Lieben zu Hause! Ich bin gut aufgehoben. Das Verweilen im Ashram direkt über dem Ganges und wunderschönem Blick hinunter, mitten unter Bäumen und vielen netten Affen, das Meditieren und der Jogaunterricht – alles ist perfekt und tut gut nach diesen Monsterstrapazen der letzten Wochen. Die Leute hier sind nett und super, locker, aber nicht flippig, sondern ernsthaft. Sie kommen aus Israel, Spanien, Frankreich, Schottland, Italien, USA, Kanada, Australien, Neuseeland … ach aus vielen Teilen der Welt. Aber wir sind nicht mehr als 30 insgesamt, meistens junge, einige in meinem Alter. Ich bin mit einer netten Schweizerin öfter zusammen und einer genauso netten Inderin, die in Norwegen wohnt.
Tja und das Joga: Super kann ich euch sagen. Ich spüre wie ich wieder gelenkiger werde nach den Monaten sträflichen Nicht-Bewegens .. also alles im grünen Bereich! Tschau!

24.9.2004 
Ihr Lieben! Ist es der Ashram, die Hitze oder das Alter, ich weiß es nicht. Aber ich bin müde, müde, müde.  Die 100 Stufen herunter zu gehen an das Ufer des Ganges, das Ufer entlang, ca. 500 m, mit 100 Geschäften und Bettlern und auf der Erde sitzenden, irgend etwas feilbietenden Frauen oder Männern, bis zur schmalen Hängebrücke, die recht elegant gespannt ist über den breiten Fluss. (Sie ist ja nur für Fußgänger gedacht mit ihren knappen 2 Metern breite. Aber natürlich jagen hier auch Mopeds unterschiedlichster Art laut hupend daher und sie wird auch von Kühen und Ziegen, sowie Hunden und Affen benützt, aber auch Hand- und Schubkarren jeden Ausmaßes werden drüber geschoben, ja und die Radfahrer nicht zu vergessen und manche bettelnden Kinder oder Körperbehinderte, die hier ihren Stammplatz haben…

… das allein ist schon eine Anstrengung, als müsste ich die Grundfeste für ein Einfamilienhaus an einem Tag ausgraben…oder so…nach der Brücke gehts wieder retour in die Richtung aus der ich gekommen bin und auch da sind noch mal ca. 500 schweißtreibende Meter in der unbarmherzig niederstrahlenden Sonne zurückzulegen.
Mitten durch sitzende, stehende, fahrende und fliegende Händler – wenn möglich ohne irgend etwas zu kaufen, und seien es bloß eine Tüte Erdnüsse um 5 Rupien oder eine kühl lockende, frisch gepresste Zitronenlimonade oder ein Schälchen mit frisch geköpften gelben Blüten, um sie der „mother ganga“ zu opfern… So.
Das also war der Weg hierher ins Internetcafe. Hier arbeiten die Ventilatoren auf Hochtouren und das tut immerhin ein bisschen gut…

Heute Vormittag war ich in einem Ayurveda Shop. Dort bekam ich eine ausgiebige Beratung und ca. ein Kilo ayurvedische Medizin.
Ansonsten bin ich im Ashram immer noch zufrieden, das Tagesprogramm wiederholt sich morgens und abends. Meditation und Jogaunterricht und auch das Essen wiederholt sich … immer indisch, immer Reis, immer Dal, das ist Linsensuppe, immer undefinierbares Gemüse dazu und immer Tschapati, das Fladenbrot, das also zu Mittag zu Abend zu Mittag zu Abendzumittagzuabend…dazwischen  frei, eine Bibliothek, sogar mit deutschsprachiger Literatur ist da. Es hat alles seinen schönen Gang, noch 6 Tage und dann trete ich die letzte Reise an, nach Varanasi.  25 Stunden Zugfahrt für 6 Euro, habe ich heute reserviert und gekauft. Ade bis bald!

29.9.2004 
Hallo! Das letzte Mal aus Rishikesh, … heute bin ich mal drauf losmarschiert, im Ashram schwärmte eine junge Kanadierin vom Waterfall, `really great!` Ich bin dann nach einer Wanderung und einigem Fragen auch dorthin gekommen, wo es auf den Berg hinauf geht zum Wasserfall.
Nach einer Stunde schweißtreibender über Stock und Stein Keucherei bergauf und immer weiter bergauf, dachte ich: Nach der nächsten Kurve geb ichs auf – denn Wasserrauschen war zwar stets zu hören, bloß zu sehen bekam ich es nie. Die Vegetation war der reinste Dschungel, Vögel und Grillen, die sich wie Klapperschlangen anhörten, Spinnen, Flusskrabben so groß wie eine Riesenkröte (mit der verwechselte ich die Krabbe zuerst) und allerhand Getier auf dem dschungelhaften Pfad. Nun nach der nächsten Steigung – der letzten, wie ich sagte, da war er!!! Ein winziger gestauter See. Das Wasser stürzt von oben weiß schäumend hinein und auf der anderes Seite nimmt es rauschend den Weg weiter hinunter ins Tal…
Ich war überwältigt. Ein Traum von Idylle. Grünes, glasklares Wasser – tief genug um drei Tempo zu schwimmen. Ich war ganz für mich allein und nur mit einem großen Tuch bekleidet, tauchte ich das kühlende Nass. Ich kam mir grade so vor wie die Jane aus dem Dschungelbuch .. ach ja, (seufz) nach dieser einmaligen, genüsslichen, entspannenden, vor allem kühlenden Erfahrung fuhr ich per Autostopp in the city zurück, nütze hier noch mal das Internet Cafe, gucke ein bisserl und geh dann wieder Joga üben.

Morgen ists Schluss mit dem geschützten Verweilen im ruhigen Garten des Ashram und die letzte große anstrengende Reise steht mir bevor… Varanasi wird keine leichte Sache sagte man mir. Hitze, Schmutz, Schlepper, die dich irgendwo teuer und mies unterbringen wollen, Verkäufer, die dir irgendwas, nur keine Seide verkaufen, Bettler und Menschenmengen… das alles weiß ich bloß von Erzählungen und vom Lesen. Wie es wirklich ist, werde ich euch dann berichten.

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