In Dharamsala

15.9.2004 
Nun bin ich also nach einer relativ `kurzen` Busfahrt (only 12 Stunden) gut gelandet in the Dalai Lamas City. Irgendjemand sagte vorgestern, es gäbe eine öffentliche Audienz seiner Heiligkeit. Aber das war wohl nur ein Gerücht, denn Tatsache ist, nach Auskunft in seinem security Büro, dass er unterwegs ist in die USA. Aber er ist ja trotzdem praktisch allgegenwärtig in jedem Shop, in jedem Restaurant in Form seiner Fotos. Aber stellt euch bitte unter Restaurant nicht vor, was wir darunter verstehen. Jede 3 m2 große, bzw. kleine Bude, die über einen Gaskocher verfügt, kocht hier und gilt als Restaurant. Bisher habe ich es einmal gewagt in einer dieser offenen Küchen zu essen, mit dem Ergebnis, dass die Verdauung ausgesprochen spontan reagierte…

Die vielen geflohenen Menschen aus Tibet mit den irrsten Fluchtstorys haben hier ihre stärkste Vertretung und so gibt es Organisationen für geflohene Kinder und Jugendliche, Umwelt-NGOS, Zusammenschlüsse tibetischer Frauen, kulturelle Initiativen, usw…
Und was hier an Kursen in Meditation und Ähnlichem angeboten wird, würde wohl das Herz jedes Esoterik-Freaks aus Europa höher schlagen lassen. Eine wahre Flut an Kundmachungen und Angeboten. In 5 Tagen Erlernen der Ayurveda-Bodymassage, in 10 Tagen Erlernen von Akupunktur, in einem Wochenende Reikimeister 1. Grades… irgendwie eh nicht viel Unterschied zu Österreich…

Etwas was auffallend ist: Alle tibetischen Leute, von den Jüngsten bis zu den ganz Alten sind irgendwie beschäftigt, haben einen Shop, ein Restaurant oder sind zum Lernen im Kindergarten oder in einer Schule. Aber an den Straßenrändern bevölkern viele indische Leute aus dem Süden die Stadt als Bettler.
Keine 10 Meter kannst du gehen, ohne angebettelt zu werden. Ich dachte nicht, dass ich so schnell eine dicke Haut entwickeln könnte, aber so ist es irgendwann wird man immun gegen die klagenden Laute, gegen die Gesichter, die um Aufmerksamkeit heischen und gegen die nach Money greifende Hände.

Noch ein Wort zum Wetter. Hatte ich in 3500 Meter Höhe Schwierigkeiten zu atmen, so muss ich mich hier an die Feuchte gewöhnen. Der Monsun ist hier in vollem Gange und die Feuchtigkeit kriecht in alle Ecken…
Alles ist sozusagen mit einem Schleier aus Dunst überzogen. Die Konturen verschwimmen, das lLeben ist gedämpft, der Geist wird ruhig, und alles verläuft langsamer, stiller und friedlicher. Selbst das sonst unvermeidliche Hupkonzert verstummt plötzlich. Das Papier auf dem ich schreibe, wellt sich auf und die Kleider, die gestern im Rucksack noch trocken waren, sind über Nacht feucht geworden, weil ich sie im Zimmer über den Stuhl gehängt habe. Die, die ich vorgestern gewaschen habe, tropfen noch heute …

16.9.2004 
Dieses Indien! Während ich hier (zum letzten Mal) in Dharamsala im Internetshop sitze, so ist das Bild der Stadt da draußen stets dasselbe … die Mönche und Nonnen in ihrem Rot, (einer sitzt hier vor dem PC mit dem Handy in der Hand) die unzähligen Touristen, viel Junge in Klamotten wie in den 70igern, tibetische Frauen in ihren sauberen, eleganten einfärbigen langen Kleidern mit quergestreifter Schürze, indische Touristen, die man an den farbenfrohen rosa-grün-rot-orange-blauen  Saris… der Frauen erkennt, bettelnde verschmutzte dunkelhäutige Mütter mit ebenso verschmutzten Babys im Arm, Kühe, Hunde, Karren, laut aufheulende Mopeds in großer Menge, Pkws kaum, aber Busse und Jeeps, die meistens eine schwarze Rauchfahne hinter sich herziehen, und und und… das alles inmitten von Essen, Obst, Shops mit Souvenirs und Kleidern, Schals, selbstgestrickten bunten tibetischen Socken oder Mützen, Malas (buddhistische Rosenkränze), Silberschmuck und so weiter. Der Atem ginge einer aus, müsste frau alles aufzählen. Das Wichtigste aber, und das ist überall dasselbe, das ist der stets vorhandene Dreck. Unglaublicher Schmutz und Müll überall dazwischen … dazu der passende Gestank nach Urinal … Tja., das sei mal gesagt für all jene, die schon begonnen haben mich zu `beneiden`.
Vielleicht auch das noch. Da trifft man nette Menschen, in einem Bus vielleicht, da hat man ja 10, 15 Stunden Zeit sich etwas kennen zu lernen, da schließt man vielleicht sogar sowas wie Freundschaft, die Fremde ist ja für beide fremd, das Reisen für beide unsicher, neu, anstrengend, einsam… und kaum ist man am Ziel, verabschiedet man sich und sieht sich nie wieder… Reisen ist wie Leben im Eilzugstempo … was du normal in einigen Jahren absolvierst an Kennen lernen, Lieben lernen, zusammen sein und wieder verabschieden – das tust du auf Reisen alles an einem einzigen Tag oder in wenigen Stunden …

16.9.2004 
Morgen also verlasse ich Dharamsala Richtung Süden, aber nicht weit. Nur 4 Stunden Busfahrt, denn das buddhistische Nonnenkloster, welches mir ein freundlicher Amerikaner empfohlen hat, da dort eine westliche, bekannte Nonne ist, das möchte ich dann doch noch besuchen.
Ich kann ja auch nur einen Tag bleiben, wenn’s mir nicht gefällt und dann weiterreisen nach Rishikesh, an den Ganges. Dort ist dann mit den Buddhisten, den Bergen und den Bussen Schluss, denn ab da probiere ich die indische Bahn in der indischen Tiefebene im hinduistischen Gebiet. Es wird dann wieder alles anders nehme ich an, außer dem ? richtig, außer dem Dreck. Es kommt halt immer drauf an, wo man hin schaut … auf den Dreck oder auf die Schönheit. Da ist ja immer beides und immer beides zugleich!

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